Glückshunger

Im Frühjahr geriet meine Morgenroutine ins Wanken. Schon beim ersten Kaffee wurde mein Blick unwiderstehlich auf das Haus gegenüber gezogen. Fast ein Jahr hatte es leer gestanden, dann begannen sich Kleinigkeiten zu verändern: ein offenes Gartentor, eine Jacke über dem Zaun, Licht im Flur. Ein Auto in der Einfahrt. Dinge, die man nur bemerkte, wenn man täglich hinsah. Irgendwann stand ein großer Gartentisch im Vorgarten. Stimmen -ein Mann, ein Kind. Wo war eigentlich die Frau?

Zu Beginn der Osterferien stand plötzlich ein kleiner Verkaufsstand vor dem Haus. Tisch, Stuhl, Sonnenschirm, ein selbst gemaltes Schild. Am nächsten Tag saß dort das Kind. Auf dem Rückweg vom Bäcker nickte ich ihr zu. Sie lächelte, und ich blieb stehen.

„Schokolade oder ein schönes Wort?“ Sie zeigte auf das selbstgemalte Plakat. Ich las die sorgfältig mit Filzstift geschriebenen Worte:

Projektarbeit in Sachkunde
3. Klasse
Thema: Was würde die Welt besser machen?
Das ist meine Idee: Bei mir gibt es Schokolade oder ein schönes Wort.
Umsonst zu verschenken für jeden.
Pia

Pia zeigte mir einen bunt beklebten Schuhkarton. Darin lagen kleine Zettel mit Wörtern: Sonnenklopfer, Hitzefrei, Zauberquatsch, Himbeerhimmel, Ameisenpups.

Zwischen Wolkentänze und Meckerlachen entdeckte ich einen Zettel mit grünen Buchstaben.

Glückshunger. Ich zog ihn aus dem Karton.

„Ich möchte gerne das Wort behalten und die Schokolade meiner Freundin Ariane schenken. Könnte ich auch beides von dir bekommen?“

 „Du kannst heute das Wort mitnehmen und morgen die Schokolade. Wenn noch welche da ist.“

Also nahm ich den Zettel mit nach Hause. Beim Abendessen erzählte ich Ariane von Pia.

„Glückshunger“, sagte sie und lächelte. „Schokolade und Wörter, das passt.“

„Was meinst du damit?“

„Dass man manchmal Dinge braucht, einfach so.“

Am Ende der Woche hingen zwei Zettel an unserer Kühlschranktür: Glückshunger und Quatschsalat.

Eine Woche später lud ich unsere neuen Nachbarn zum Essen ein. Joachim brachte Wein mit und Pia einen neuen Zettel. „Hier.“ Ihre Finger waren voller bunter Filzstiftflecken. Ich las: Nachbarfreunde. Jeder Buchstabe hatte eine andere Farbe.

Kurz darauf saßen wir zu viert am Küchentisch und das übliche Kennenlerngespräch begann: Seid ihr auch Zugezogene? Wo kommt ihr her?

„Ich bin Joachim und Dirigent. Wir sind doch beim Nachbarschafts-Du, oder …?“
„Natürlich. Ich heiße Ariane, und …“
„ … übrigens, Orchester sind manchmal einfacher als Beziehungen. Wir diskutieren weniger  über Gefühle. Mehr über Tempi.“ Joachim redete einfach weiter, und Ariane sah ihn dabei über ihr Glas hinweg an. „Ein Orchester hat wenigstens einen, der entscheiden muss.“

Joachim lachte. „Meine Frau ist damals mit der ersten Geige verschwunden. Rein musikalisch gesehen war das konsequent.“
Pia, die gerade ihre Quiche auseinanderschob, sagte: „Seitdem habe ich zwei Kinderzimmer und die muss ich beide aufräumen!“ Sie verdrehte die Augen. Ariane lachte. Joachim sah kurz zu ihr hinüber, und für einen Moment lachten beide nur miteinander.

Seit diesem Abend gehörte das Donnerstagsessen bei uns den ganzen Sommer über fest zu unserer neuen Nachbarschaft. Jedes Mal blieb etwas von diesem Glückshunger in unserer Küche zurück. – Ein Wort. Ein Blick. Ein Lächeln.

An einem dieser Abende schlief Pia mit dem Kopf auf Arianes Schoß. Joachim erzählte von seiner letzten Probe, bei der der Kontrabass immer zu früh eingesetzt hatte. Ariane lachte laut und frei.

Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich sie zuletzt so unbeschwert hatte lachen sehen.

Später brachte Joachim Pia nach drüben. Ariane blieb am Fenster stehen und sah hinüber, wo im oberen Stock Licht anging.

„Das war schön heute“, sagte sie leise.

Ein paar Monate später kam ich nach drei Tagen Dienstreise aus Berlin zurück. Ich freute mich auf die Ruhe zu Hause. Beim Abbiegen in die Einfahrt sah ich, dass bei Joachim alle Lichter brannten. Unser Haus war dunkel, aber angenehm ruhig.

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel:

Bin drüben zum Donnerstagsessen. Joachim kocht.

Ich ging zum Fenster und sah hinüber.

Einige Tage später klingelte Pia wieder. Sie trug Gummistiefel und eine übergroße Strickjacke.

„Für dich.“ Sie hielt mir einen Zettel hin. Froschrülpser.

Quer über das Wort hatte sie einen Regenbogen gemalt.

Ich sah in ihre strahlenden Augen und steckte den Zettel vorsichtig ein.

Was würde die Welt besser machen?

Neue Nachbarn? Ein Kind? Ich weiß es nicht.

Doch definitiv die bunten, verknitterten Zettel am Kühlschrank.

Seit Pia und Joachim zu meinem Leben gehören, hat sich vieles verschoben. Sehr viel – auch zwischen Ariane und mir.

Vor ein paar Tagen hat Ariane ihre letzten Sachen ins Haus gegenüber zu Joachim und Pia getragen. Ich habe den Küchentisch nach hinten in die Ecke gerückt, weg vom Fenster. Ich will mich wieder an meine alte Morgenroutine gewöhnen.

Die Donnerstagabende soll es weiterhin geben. Joachim und Ariane werden kochen.

Pia hat gestern gefragt, ob sie bei mir auch ein Zimmer haben kann. Aufräumen wolle sie das allerdings nicht.

Das alles fühlt sich erstaunlich gut an.

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